# Die Aussicht

> *Die Aussicht von oben*

**Language:** DE
**Source:** wecome1.com - Transparent Awareness

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Warum schauen Menschen auf andere herab?
Der Blick von oben


Wie sehen die Menschen von dort oben aus? 


Klein, oder? Wie… Ameisen. Diese Menschen, die sich morgens um acht an der Bushaltestelle drängen, vom Regen durchnässt, die an ihre Rechnungen denken, das Fieber ihres Kindes messen. Während du sie hinter diesem Glas beobachtest, aus der Tiefe dieses Sessels, aus der Höhe dieser Etage — durchfährt dich etwas, ich kann es spüren. Wer sind diese Leute? 


Das möchte ich dich fragen. 


Wer sind diese Leute? 


Du hast eigentlich recht — die Antwort ist einfach: Sie sind du. 


Ja, genau du. Gleiche Spezies. Gleiche Fabrik, gleiches Opfer derselben biologischen Absurdität. 

Du öffnest morgens deine Augen — mächtige Augen natürlich —, aber der Mechanismus des Öffnens ist identisch. Dein Magen erkennt keine Hierarchie, wenn er knurrt. Die Todesangst sucht das Schlafzimmer im obersten Stockwerk morgens um drei mit derselben kalten Gleichgültigkeit heim. Dein Titel ist in dieser Dunkelheit nutzlos. 


Und du stehst immer noch da, am Fenster, und blickst hinab. 


Lass mich dir ein Geheimnis verraten: Höhe ist keine Distanz. 


Du stehst nicht über den Menschen. Du bist unter Menschen — du atmest nur zufällig an einem teureren Ort. Derselbe Sauerstoff ist in diesem Atemzug, derselbe Stickstoff, dasselbe bedeutungslose

Menge an Kohlendioxid. Deine Lungen wissen das. Du nicht. 


Was für ein schönes Zuhause das Ego doch baut. Wände aus „Ich habe es verdient“, eine Decke aus „Ich bin anders“, ein Boden aus „Sie verstehen es einfach nicht“. Und du gehst durch dieses Haus – keine Fenster, keine Spiegel –, denn ein echter Spiegel würde das Ganze zum Einsturz bringen. 


Also lass mich dir jetzt diesen Spiegel vorhalten. 


Sieh hin. 


Sieh dir an, wie du diese Menschen betrachtest. Du hast ihre Erschöpfung unter „Faulheit“ abgelegt. Du hast ihre Wut als „Neid“ archiviert. Du hast ihre Stimme vor der Tür gelassen, als „Lärm“ abgestempelt. Sehr praktisch. Sehr sauber. Ein Gewissen so steril zu halten, ist wahrlich eine Kunst. 

Aber ich frage mich —


Das erste Mal, als jemand dir das Gefühl gab, klein zu sein — erinnerst du dich daran? Dieses Zimmer, in dem du geschrumpft bist, in dem deine Stimme zitterte, in dem deine Worte nicht genug waren? Dieses Gefühl — genau dieses Gefühl — ist es, was du die Menschen da unten jeden einzelnen Tag durchmachen lässt.


Der Unterschied ist: Du hast dieses Gefühl in Macht verwandelt. Sie versuchen nur zu überleben.


Und du nennst das Überlegenheit.


Türme sind hoch, ja. Sie sind beeindruckend. Sie fangen die Sonne zuerst ein. Aber der Wind trifft sie auch zuerst. Das Erdbeben erreicht sie zuerst. Und wenn sie fallen — wenn sie fallen — sind die Trümmer umso gewaltiger.

Je höher man steigt, desto tiefer fällt man. 


Das ist nicht nur ein englisches Sprichwort. Es ist die Physik selbst. Die potenzielle Energie nimmt mit der Masse und der Höhe zu — je höher Sie klettern, desto größer ist die kinetische Energie Ihres Absturzes. Newton hat dieses Gesetz speziell für Sie geschrieben. 


Also frage ich Sie — die Person am Fenster, die Person, die tief in den Stuhl gesunken ist, die Person, die mit der Größe ihres Schreibtisches wächst:


Sind Sie wirklich da oben? 


Oder haben Sie sich einfach nur mehr Zeit vor dem Fall erkauft? 


Die Menschen unten sind immer noch da. An der Bushaltestelle. Im Regen. Aneinandergepresst. 


Und eines Tages — vielleicht bald, vielleicht in weiter Ferne — werden Sie unter ihnen sein. 

Ich hoffe, an jenem Tag erinnerst du dich: Sie kannten dich. 



Du kanntest sie nie. 



*Dieser Text wurde geschrieben, um diejenigen, die sich irgendwo über all dem sehen,
genau daran zu erinnern, wo sie tatsächlich stehen. *