# LEIDSTEINE

> *(Eine Ode an den anonymen Propheten, der kühn genug war, die Menschheit neu zu entwerfen, aber zu schüchtern, um dafür zu unterschreiben)*

**Language:** DE
**Source:** wecome1.com - Transparent Awareness

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Kritische Analyse des anonymen Schöpfers der Georgia Guidestones?
Stellen Sie sich ein Feld in Georgia vor. Ein halb eingestürzter Zaun, der Geruch von gemähtem Gras und Kuhdung im Wind, Rinder, die den ganzen Tag grasen, ohne dass ihnen ein einziger Gedanke den Kopf verwirrt. Und dort, inmitten dieses pastoralen Nichts, unter dem verdutzten Blick der hiesigen Färsen, stand einst das zehntausendjährige Schicksal der Menschheit fest im Boden verschraubt. Denn es gab einen Mann — einen Mann, dessen Namen wir nie erfuhren, dessen Gesicht wir nie sahen, dessen Stimme wir nie hörten — der kein anderes Instrument fand, um zur gesamten Menschheit zu sprechen, als Granitplatten und eine Handvoll toter Sprachen. Kommen Sie also, verfassen wir diesem großen Visionär eine leise Ode, denn niemand hat ihm je den Dank gezollt, den er verdiente; im Gegenteil, die undankbare Geschichte ließ ihn allein mit einem Pickup und ein paar Stangen Dynamit zurück.

Ehren wir zuerst seinen Mut. Die Geschichte ist voller Feiglinge, zugegeben — aber jeder Feigling hatte wenigstens einen Namen. Auch hier betrat unser Meister Neuland, und zwar gerade dadurch, dass er es nicht mit einer Unterschrift betreten wollte. Bedenken Sie: Er war mutig genug, die Bevölkerung eines ganzen Planeten mit einem Federstrich auf fünfhundert Millionen zu reduzieren, aber zu schüchtern, um seinen echten Namen unter ein Bestellformular für Granit zu setzen. Das Herz, das bei der Abfassung der Liquidation der menschlichen Spezies nicht einmal zitterte, errötete tiefrot, als es ans Unterschreiben ging. Wir nennen das den Banksy des Völkermords: das Werk frei zur Schau gestellt, der Künstler ein Geheimnis. Ein Gedankenführer, der seine Gedanken in Stein meißelte, seinen Namen aber in der Tasche behielt. Sein gesamter Mut passte bequem in ein Postfach.

Als Nächstes bestaunen wir seine Bescheidenheit. Ein bescheidener Mann führt ein Tagebuch. Ein etwas weniger bescheidener schreibt seine Memoiren. Eine wahrhaft demütige Seele jedoch lässt zehn Gebote für die gesamte Spezies in über hundert Tonnen Granit hauen. Vergleichen wir die Vorbilder: Moses stieg immerhin auf einen Berg und traf dort oben jemanden. Unser Prophet ging zu einem Granitbetrieb und traf eine Rechnung. Das war keine Offenbarung vom Sinai; das war ein Lieferschein aus Elberton.

Nun beugen wir uns über jedes einzelne Gebot, denn dort wartet das eigentliche Festmahl. Das erste, wie jeder weiß: Du sollst die Menschheit unter fünfhundert Millionen halten. Stellen Sie sich für einen Moment jene „Ausschusssitzung“ vor. Warum fünfhundert? Weil sechshundert eine Spur zu voll aussah, vierhundert sich ein wenig einsam anfühlte und fünfhundert Millionen sich auf Granit so schön machte — rund, elegant, geräumig. Heute sind wir rund acht Milliarden. Unser Meister ist somit im Grunde ein Eventplaner, der fünfzehnmal zu viele Einladungen druckte und einen fünfzehnmal zu kleinen Saal buchte: der schlechteste Hochzeitsplaner der überlieferten Geschichte. Wie genau die verbleibenden siebeneinhalb Milliarden „überzähligen“ Gäste den Saal verlassen sollten, verschwieg er taktvoll. Denn ein wahrer Gentleman überlässt die Logistik der Vorstellungskraft seiner Gäste.

Das zweite Gebot ist noch sanfter: Lenke die Fortpflanzung weise, um Tauglichkeit und Vielfalt zu verbessern. Der große Mann strebte also, aus dem Jenseits, das Amt des Gestütsleiters für die menschliche Rasse an. Er würde uns wie Zuchtvieh verpaaren — ohne je sein Gesicht zu zeigen. Der maskierte Kuppler des Kosmos. Das dritte ist ein wahres Meisterwerk: Vereine die Menschheit mit einer lebendigen neuen Sprache. Der Mann, mit dem wir uns nicht einmal über seinen eigenen Namen einigen konnten, machte sich daran, uns alle in einer brandneuen Zunge zu vereinen. Er war von dieser neuen Sprache übrigens so überzeugt, dass er die Steine vorsichtshalber in acht bereits existierenden beschriften ließ. Er war der erste Prophet der Geschichte, der seiner eigenen Prophezeiung nicht glaubte.

Doch meinen Liebling habe ich mir bis zum Schluss aufgehoben: Sei kein Krebsgeschwür auf der Erde. Dieser edle Rat wurde von der Spitze eines rund sechs Meter hohen Granittumors verkündet, der chirurgisch in die Landschaft Georgias eingepflanzt war — samt Parkplatz und Besuchertafel. Ein Moment, so anmutig wie ein Tumor, der dem Körper einen Vortrag darüber hält, kein Tumor zu sein. „Lasst der Natur Raum“, hatte er eingemeißelt — während er persönlich die Mitte der Landschaft besetzte. Außerdem trug er uns auf, unnütze Beamte und kleinliche Gesetze zu meiden: ausgerechnet der Mann, der sich selbst zum Generaldirektor der Menschheit ernannt hatte, ohne eine einzige Wahl zu gewinnen, eine einzige Stimme zu erhalten oder ein einziges Namensschild zu tragen. Der einzige wahrhaft unnütze Beamte auf dem Gelände war der, den man in den Granit gehauen hatte.

Nun zu seiner Weitsicht — und hier ist der Teil, der die Ode wirklich verdient. Die Steine in acht lebenden Sprachen zu beschriften, genügte nicht; er fügte dem Deckstein vier tote hinzu: babylonische Keilschrift, Sanskrit, klassisches Griechisch und ägyptische Hieroglyphen. Seine Überlegung lautete so: Der künftige Leser, jener, der nach dem nuklearen Winter durch die Asche der Zivilisation streift, wird kein Englisch können — wird aber irgendwie Keilschrift lesen wie die Morgenzeitung. Er stellte sich einen Überlebenden vor, der die Apokalypse überstand und dennoch sein Akkadisch frisch hielt. Und damit nicht genug: Er ließ ein Loch durch den Stein bohren und auf den Polarstern richten, einen Schlitz schneiden, um die Sonnenwenden zu verfolgen, und ein Auge in die Kappe bohren, das einen Mittagssonnenstrahl auf den Boden fallen ließ. Der Mann hat, kurz gesagt, den Himmel in seinen Felsen hineinkonstruiert. Genau eine Sache sah er falsch voraus: einen Mann mit einem Pickup, einem Groll und einem freien Mittwochmorgen. Ach ja — und jene große Zeitkapsel, die er vergraben wollte? Er ließ sogar die Daten in die Tafel gravieren, ließ die Felder dann aber leer, sodass die Kapsel aller Wahrscheinlichkeit nach nie vergraben wurde. Den Mann, der die Zukunft zehntausend Jahre im Voraus berechnete, versetzte seine eigene Zeitkapsel.

Und schließlich diese großartige Ironie der Geschichte. Das Monument, das die Zivilisation überdauern sollte, hielt genau zweiundvierzig Jahre. Also: weniger als die durchschnittliche Schildkröte, weniger als die meisten Kühlschrankgarantien und entschieden weniger als ein Toyota. Der Granit, der uns durch die Apokalypse führen sollte, überlebte keinen einzigen Mittwoch in Georgia. Die Ewigkeit wurde vor dem Mittagessen mit schwerem Gerät abtransportiert, „aus Sicherheitsgründen“. Und hier kommt der poetischste Teil von allen: Derjenige, der die Steine in die Luft sprengte, hinterließ — genau wie der Prophet, der sie errichtet hatte — keinen Namen. Ein anonymer Mann begrub den Mann, der sein Leben der Anonymität gewidmet hatte. Das war der einzige ehrliche Dialog, den das Monument in zweiundvierzig Jahren je beherbergte: eine anonyme Predigt und eine anonyme Antwort. Der Meister flüsterte, und das Universum antwortete in genau derselben Stille.

Gehen Sie heute zu jenem Feld. Die Rinder sind zurückgekehrt, das Gras ist nachgewachsen, der Zaun lehnt noch immer. Das Universum hat endlich das allererste jener zehn Gebote erfüllt: Es hat der Natur Raum gelassen — genau innerhalb des Rechtecks, in dem der Stein einst stand. Es stellt sich heraus, dass das wahre Monument für die freie Menschheit jener leere Raum war, in den nichts gemeißelt ist: die Stille, in der die Predigt endete, der saubere Fleck Erde, von dem man die Kanzel forttrug. Der weiseste Satz, der in zehntausend Jahren auf dieses Stück Land geschrieben wurde, war am Ende der leere Boden, den die Explosion hinterließ.

Ruhe in Frieden, unser namenloser Prophet. Ruhe sanft inmitten deiner Trümmer. Die feinste Führung, die du uns je gabst, war dein Abgang.